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| 1865 von Köhlen nach Stade |
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| Geschrieben von Claus Claussen | |
| Mittwoch, 10. Juni 2009 | |
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Fabian Stürcken wurde am 01.10.1845 in Köhlen geboren und starb am
24.05.1910 in Köhlen.
Er war vom 01.04.1863 bis zum 01.10.1908 Lehrer in Köhlen. Die Schule fand damals nur im Winter statt. Im Sommer mußten die Kinder zu Hause in der Landwirtschaft helfen. Fabian besuchte in den Sommerhalbjahren 1864 bis 1967 das Lehrer-Seminar in Stade. In einem Aufsatzheft schrieb er den folgenden Aufsatz, wahrscheinlich 1865. Der Text wurde Buchstaben - und Wortgetreu übersetzt. Beschreibung einer Reise von Köhlen nach Stade Der Regen hatte aufgehört. Das Gewölk, welches schon seit einigen Tagen in den oberen Luftregionen den Strahl der Frühlingssonne hemmte, war größtentheils verzogen. Nur auf kurze Zeit milderte dann und wann ein vor der Sonne überziehendes Wölkchen die angenehme Frühlingswärme. Mit Freuden begrüßten Jung und Alt das Herannahen dieser schönen Jahreszeit. Ein reges Leben entwickelte sich auf den Fluren des Dorfes. Mit verdoppelten Fleiße war der Landmann auf die Bestellung seines Ackers bedacht, weil der Regen das Arbeiten graußen unmöglich gemacht hatte. Die Sorgen waren jetzt dahin; er fühlte sich wohler in Gottes freier Natur. Man fühlte das Angenehme, statt der dumpfen Stubenluft. Die frische, freie Frühlungsluft einzuathmen. Und während alles draußen sich freute und manches Herz sich dankend zum Himmel erhob; während alles sich befleißigte in den Gärten und auf den Feldern, der Erde das Samenkörnlein anzuvertrauen, daß sie eine neue Saat hervorbringen, beschäftigte ich mich in den engen Räumen meines elterlichen Hauses, das Nötige zu meiner Reise in das Seminar zu Stade anzuordnen. Fast überall findet man die Sitte, daß derjenige, welcher sich in der Ferne eine Zeitlang aufzuhalten gedenkt, nicht bloß von den Seinen und den Verwandten, sondern von den Nachbarn und seinen nächsten Freunden Abschied nehme. Dabei wird man aber in der Regel länger aufgehalten, als man es sich vorher denkt, und daher kam es denn auch, daß ich erst am späten Nachmittage mein liebes Heimatdorf verlassen konnte. Angemessenen Schrittes ging ich vorüber an den mir bekannten Häusern des Dorfes; vorüber an dem Schulhause, in dessen Räumen ich so manche Stunde unter der liebend Jugend verlebt hatte; vorüber an den alten Bekannten, welche vor ihren Wohnungen beschäftigten, oder auf der Straße mir begegneten. Den in meiner Gegend üblichen Wunsch, „halte Dich munter!“ welchen man mir zurief, dankend erwidernd, wanderte ich weiter. Nach einer viertel Stunde war ich an der Grenze der Feldmark angekommen. Ich befand mich auf der Anhöhe von Drittgeest. Trotz der vorgerückten Zeit konnte ich es mir nicht verwehren ein paar Minuten hier zu verweilen und einen Blick zurück zu werfen auf das Dorf, welches in seinem Schoße mir die Theuersten auf Erden birgt. Still und friedlich, geschützt von hohen Eichen, Linden und Obstbäumen, lag es vor mir da im Grunde. Aber noch prangte es nicht in seinem vollen Frühlingsschmucke, noch fehlte das dichte Laubdach den hohen Eichen, welche mit ihren weit ausgebreiteten Ästen sich deutlich von den andern Baumgattungen unterscheiden ließen, noch fehlte den Obstbäumen ihre schöne weiße Blütenkrone; aber dennoch waren alle Vorzeichen des herannahenden Frühlings eingetreten. Schon summte die Biene durch die Luft, um sich aus den schon vorhandenen Haselstauden Stoff zu sammeln zum Bau ihrer künstlichen Wohnungen. Die Schwalbe suchte schon ihr Nest wieder auf, um es zu verbessern. Singend stieg die Lerche über meinem Haupte in die Luft, immer höher und höher, wie ein Gebet aus voller Menschenbrust. Auf dem Felde war ein reges Leben. Alt und Jung, Klein und Groß waren beschäftigt; aber im Dorfe selbst war es still. Man hörte noch nicht das Blöcken des Rindes, nicht den Gesang der Buben beim Hüten des Viehes; nur das Horn des Schäfers, welcher seine Herde heim trieb, tönte zu mir herüber und das Gerassel der Ackerwagen in den Straßen. Aber meines Weilens war hier nicht länger; die Zeit mahnte zum Aufbruche. Langsamen Schrittes ging ich weiter. Erfüllt von Gedanken an das heimatliche Dorf und den Empfindungen, welche der Rückblick auf dasselbe in mir erweckt hatte, erreichte ich die Drittgeest. Sie ist eine der drei kleinen Quellbäche, welche nach ihrem kurzen Laufe sich vereinigen und bei Bremerhaven in die Weser mündende Geste bilden. Am rechten Ufer der Drittgeest liegt ein Bauernhof gleichen Namens. Er hat eine schöne Lage. An dem Bache breitet sich ein saftiges Wiesengrün aus. Das Feld ist, wie die Hofgebäude, eingeschlossen von Eichen- und Buchen-Waldungen. In den Niederungen dagegen gedeihen die Erlen, welche meistens von den Handwerkern der nächstliegenden Dörfer verarbeitet werden. Auf dem Hof wimmelte das Geflügel bunt durcheinander. Die Sonne warf schon lange Schatten nach Osten, als ich meinen Weg von hier weiter fortsetzte. Eine leise Briese wehte aus dem Osten mir entgegen und milderte die Schwüle des Frühlingsnachmittags. Aber von jetzt an führte mich mein Weg durch eine öde Gegend. In einer Länge von fast anderthalb Stunden erstreckt sich eine große Haidfläche von Drittgeest bis Hintzel. Heide, Buschwerk und graue Sandhügel wechseln einförmig mit einander ab. Ein menschliches Wesen hier zu erblicken gehört zu den Seltenheiten; denn es ist „die Straße die da wüste ist“. Nur ein Schäfer weidet seine Herde in dieser Einsamkeit. Rechts schließen sich an diese Haide einige Bauernhöfe. Links erblickt man das Windbrakenholz und das Dorf Großenhain. Vor dem Wanderer dehnt sich in unabsehbarer Ferne der Hintzel aus. Ich beflügelte meine Schritte um bald die Chausse zu erreichen. Außer einem einsamen Forsthause ist auch der Hintzel ohne alle menschliche Wohnungen; aber dessen ungeachtet bietet der Wald doch eine mannigfachere Abwechslung der Natur, als die Haide, und ist deshalb das Reisen im Walde für manchen angenehmer. Aber erst als ich die belebte Landstraße erreicht hatte; als Menschen, welche von ihrer Arbeit zurück kamen, an mir vorüber gingen; erst da konnte ich freier aufathmen. Bereits war die Sonne untergegangen, als ich vor Bremervörde ankam. Die Gärten vor der Stadt waren schon bearbeitet und hatten ein freundliches Aussehen erhalten. Die Eigenthümer lustwandelten in denselben und schienen sich der Natur zu erfreuen. Nicht weniger belebt war es in den Straßen der Stadt; sie alle schien der schöne Frühlingsabend aus ihren Wohnungen gelockt zu haben. In einem Gasthause kehrte ich ein, um auf den Omnibus(1) zu warten, mit welchem ich meine Reise fortsetzen wollte. Eine lange Stunde nach der anderen verging. Die Wächter meldeten schon die zwölfte Stunde, als der Fuhrmann mit einem Peitschenknall seine Ankunft bekundete. Wir alle gingen in die dunkle Nacht. Mit fahlem, bleichen Schimmer leuchteten die Sterne durch das unheimliche Dunkel, welches sich auf Wald und Flur gelagert hatte. Nachdem unsere Sachen auf den Omnibus geladen waren, stiegen wir ein. In dem Dunkel der Nacht konnte ich die neben mir sitzenden Personen nicht erkennen; ich lehnte mich zurück im Wagen, um zu schlafen, aber das Rollen des Wagens und das Gespräch der anderen scheuchte den Schlaf von mir. Mit wachenden Augen durchträumte ich die Erlebnisse des letzten Tages und dachte voraus in die dunkel vor mir liegende Zukunft. Endlich graute der Morgen. Der Blick schweifte in die Ferne. Neben uns lag der sogenannte schwarze Berg, von wo aus man eine herrliche Aussicht auf die Stadt und deren freundliche Umgebung genießt. Über die Stadt hinweg erblickt man die Elbe mit ihren Fahrzeugen, und in weiter Ferne begrenzen die Blankeneser Berge den Horizont. Nach wenigen Augenblicken führte unser Weg an prächtigen Gärten vorüber. Wundervoll ertönte von den Lauben aus das Lied der Nachtigall in die Morgenfrühe. Noch vor Sonnenaufgang fuhren wir durch das Festungswerk des Schiffertores in die alte, wohlbekannte Stadt. (1) lt. Wikipedia bedeutet Omnibus = „Vor Einsatz des Verbrennungsmotors bezeichnete das Wort eine relativ große Kutsche zum Personentransport“. |
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