Über alte Flurnamen in der Gemeinde Köhlen Drucken
Geschrieben von Hermann Claussen   
Freitag, 27. Juni 2008

Als langjähriger Ortsheimatpfleger in meinem Heimatort Köhlen habe ich unter anderem Flurnamen in einem Gebiet, das mit der heutigen Gemarkung Köhlen identisch ist, gesammelt. Die Sammlung ist aus verschiedenen Quellen zusammengekommen: mundartlich gebrauchte Flurnamen und schriftlich überlieferte

Die schriftlichen Quellen
Da ist zunächst das "Kochsche Amtsbuch", 1599 angelegt vom bremischen Amtsmann Johann Koch. Koch war ein bremischer Verwaltungsbeamter und zuständig für die beiden Börden Debstedt und Ringstedt, also für das bremische Amt Bederkesa. Da es darin im Wesentlichen um Beschreibungen der Liegenschaften und der fälligen Abgaben geht, handelt es sich wohl um ein Steuer- und Abgabenbuch für die Bewohner der Dörfer, die an das Amt Bederkesa lieferten.
Als weitere Quelle wurde das Jördebuch von 1692 für die Flurnamensammlung ausgewertet. Das Jördebuch ist unter schwedischer Regierung 1692 angelegt worden. Es erfasst wie das "Kochsche Amtsbuch" die Liegenschaften und Hofanlagen mit allen Gebäuden und Nutzungsarten sowie eine Beschreibung der zu leistenden Abgaben.
Eine sehr gründliche Quelle ist auch die Grundsteuer - Mutterrolle aus dem Jahre 1826. In dieser Steuerliste ist alles aufgeführt, was von den Besitzern in Nutzung war, auch das kleinste Gartenstück, welches noch von Altenteilern bewirtschaftet wurde.
Im Jahre 1840 wird das Köhlener Verkoppelungsverfahren und die Gemeinheitsteilung eingeleitet. Dazu war es notwendig, eine totale Bestandsaufnahme von allem, was von diesem Verfahren berührt wurde, zu machen. Der Altbesitz musste festgestellt werden, ebenso Grenzen, Nutzungsrechte wie z.B. Tränken, Kirchwege, Postwege, Fischerei- und Jagdrechte sowie grundherrschaftliche Bindungen. Gleichzeitig wurde von dem Verfahrensgebiet eine Karte im Maßstab 1:3200 angelegt. Diese Unterlagen dienten ebenfalls als Quelle.

Die Flurnamen
Bei der Auszählung der Flurbezeichnungen sind etwa 120 Namen zusammengekommen, von denen einige hier genannt werden.
Direkt angrenzend an die alte Dorflage befindet sich der Altacker, das Westerfeld, mit folgender Unterteilung: Die Kreuzacker, Bookenacker, Eeksacker, Die Kerdingsacker, Die Dohrensacker und Die Theeacker, weiterhin das Osterfeld mit den Langen Ackern und die Hornacker.
An diesen Feldlagen waren alle Köhlener Vollhöfe beteiligt. In den Randbereichen der alten Feldlagen befanden sich Kämpe, die im gemeinsamen Besitz der Vollhöfner und Kötner waren, was für einen gemeinsamen Landausbau spricht. Die Kämpe haben Namen wie: Auf dem Kronskamp, Auf dem alten Kamp, Auf dem Kampe, Auf der Mellah, Auf dem neuen Kamp, Auf dem Sabelskamp, Der Brandhagenskamp und der Schäferkamp.
Mit Aufkommen der Brinksitzer im späten 17. und bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden neue Flächen aus der Gemeinheit in Kultur genommen - auch diesmal wieder in den Randbereichen der bereits bestehenden Kulturflächen. Und auch für die neuen Kulturflächen mussten wieder Namen gefunden werden.
Da die Brinksitzer nicht an den alten Bauernholzungen beteiligt waren, wurde bereits 1771 eine Moorfläche in der Geesteniederung parzelliert und zur Torfgewinnung abgegeben: Das Brinksitzermoor.
Weitab vom Dorf wurde der Stühbuschkamp angelegt, der als Acker nur den Brinksitzern zustand. Die neu geschaffenen Grünflächen hießen Bormbrook, Sellsbrook, Brookhoff, Deichwiesen und Auf den Blöcken.
Bis 1840 war, abgesehen von der Gemeinheit, alles in Kultur, war irgendwie möglich war. Die vielhundertjährige Entwicklung des Dorfes mit all ihren Namen wird bei deren Betrachtung verständlich und nachvollziehbar.
1840 kam es zur Verkoppelung und zur Gemeinheitsteilung, und im Zuge dieses Verfahrens wurde ein größtenteils neues Wege- und Gewässernetz angelegt. Die Gemeinheit wurde parzelliert und anteilsmäßig den Höfen zugeordnet, ebenso die Altacker. Nur die natürlichen Grünflächen an den Wasserläufen waren ausgeschlossen.
Im Rahmen der Neuordnung sind verständlicherweise viele Klein- und Kleinstflächen den größeren Flächen zugeordnet worden. Auch sind alte Feldlagen zerteilt und zu größeren Flächen neu zusammengefasst worden. Dieses Verfahren hat eine tiefgreifende Veränderung mit sich gebracht, in dem viele Flurnamen unnötig wurden. Ihre Zahl ist auf die Hälfte geschrumpft. Einige Flurnamen sind auch durch Neueinteilung ziemlich verrutscht. Demgegenüber mussten für die neuen Flächen in der verteilten Gemeinheit Namen gefunden werden.
Alte Flurnamen entziehen sich häufig der Erklärung. An einigen Beispielen soll versucht werden, Flurnamen wieder verständlich zu machen.

Beerhorn
In der heutigen Feldmark Köhlen befindet sich an der Gemarkungsgrenze zu Großenhain ein größeres Waldgebiet. Bei der Gemeinheitsteilung ist es in Flächen von 15 bis 20 Morgen 16 Besitzern zugeteilt und um 1900 von ihnen aufgeforstet worden. Bis heute ist dort ein stattlicher Wald herangewachsen, der in der Topographischen Karte 1:5000 als Bärwald bezeichnet wird. Mundartlich heißt dieses Waldstück Beerhorn.
Beide Namen wollten nicht die richtige Zustimmung finden. Geholfen hat schließlich die Karte der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1768, die den Flurnamen Pferde-Hörn überliefert. Das bedeutet, dass es sich hier vor der Gemeinheitsteilung um die gemeinschaftliche Pferdeweide handelte.

Öllerswiesen
Inmitten von ungeteilten Flächen, also in der Gemeinheit, liegen die Ölerswiesen (Ellernwiesen). Im Jahre 1840 sind sie im Besitz von 2 Kötnern und einem Brinksitzer. Diese Wiesen liegen in einem flachen Tal, durch die ein kleiner Bach fließt. Diese Talung ist an der schmalsten Stelle zwischen zwei Höhenzügen durch einen Damm abgesperrt. Über diesen Damm führt, ganz in der Nähe der kleinen Ansiedlung Desebreek, die heutige Verbindungsstraße von Köhlen nach Großenhain.
Der beteiligte Brinksitzer hat sich hier vermutlich eingekauft, denn die betreffende Stelle ist erst 1817 neu entstanden. Fast gleichzeitig sind zwei Kötnerstellen aufgegeben worden. Es kommt die Vermutung auf, dass es sich um Reste einer Wassermühle handeln könnte, die den Herren von Desebüttel (auch Desebrug) gehörte.
Die Siedlung Desebüttel wird kurz vor 1400 letztmalig erwähnt. Der aufgegebene "Mühlenteich" ist als Grünland (Wiese) in Nutzung genommen worden.

Kreuzacker und andere
Beim Sammeln und Zuordnen der Flurnamen sind mir folgende Namen aufgefallen: Kleiner Kreuz Balken, Kreuz Acker, Kreuz Balken, Eekskrüzenkamp und die Kreuzloge. Westerfeld und Osterfeld, die Altacker von Köhlen, bilden eine etwa rechteckige Fläche, direkt an der Ortslage anschließend.
An der nordwestlichen Ecke findet sich der Kleine Kreuz Balken, an der südwestlichen Ecke der Kreuz Balken. Zwischen diesen beiden Punkten befindet sich die Feldlage Die Kreuzacker.
An der südöstlichen Ecke der alten Feldlage findet sich der Name Beim Eekskrüzenkamp. Die Kreuzloge befindet sich nördlich des Dorfes und ist ein kleines Waldstück an einem nicht mehr vorhandenen Teilstück des alten Kirchweges nach Ringstedt.
Man kann vermuten, dass die angegebenen Stellen Standorte von Heiligenfiguren oder -kreuzen waren. Dann wären die alten Wege um die alte Feldlage Prozessions- oder Kreuzwege gewesen.

Die Brockoh
Die Brockoh ist ein Gebiet im östlichen Teil der heutigen Feldmark Köhlens. Sie umfasst eine Größe von ca. 4000 mal 1500 Metern. Dieses Gebiet war bis 1840 Gemeinheit ohne feste Grenzen zu den Nachbargemeinden. Weideberechtigt waren Altenstühlen, Altenkamp, Kleinenhain, Heinschenwalde, Bokelah, Drachel, Drittgeest und die Dorfschaft Köhlen.
Was ist oder war nun die Brockoh?
Die Grenze zwischen den heutigen Gemeinden Ebersdorf/Neu Ebersdorf und Köhlen bildet ein natürlicher Waserlauf, die Mehe, auch Kleine Mehe genannt.
Und eben dieser Wasserlauf wird zur Zeit der Kurhannoverschen Landesaufnahme 1768 die Brookau ganannt und bildete die Grenze zwischen dem Amt Bremervörde und dem Amt Bederkesa.
Dieser kleine Wasserlauf ist die Grenze zwischen dem Landkreis Rotenburg/W. und dem Landkreis Cuxhaven und sein Name hat sich mit den Kultivierungen über ein großes Gebiet ausgeweitet.
Der Name Brockau hat sich bis heute erhalten, gesprochen mit der Botonung auf dem -au.

 
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